discography

F.S.Blumm - 'Ankern'
1. folge
2. oberes
3. kurzer winter
4. tal
5 click to get a big-size version of the record sleeve
label: staubgold

F.S.Blumm - 'Ankern'
1. folge
2. oberes
3. kurzer winter
4. tal
5. tuch
6. sprung
7. abgebildet
8. fehlsprung
9. brande
10. pinienkerne

F.S.Blumm - 'Ankern' - CD/LP on Staubgold (Koeln ´02) also released on Tokuma (Tokyo ´02)
published by AUTOPILOT MUSIC PUBLISHING 2003
Issued - 2002
Press
JAZZTHETIK November 2002 (16.Jahr)
:.Bitte zuerst einige grundsätzliche Angaben zu Deiner musikalischen Biographie: Wo kommst Du her und wie bist Du zur Musik gekommen? Geboren in Bremen bin ich ca. 10 Jahre spaeter über die AC/DC-Platten meines älteren Bruders zu dem Wunsch Musik zu machen gekommen; habe ich mir folgerichtig von meinen Eltern eine Gitarre gewünscht und stattdessen zum Geburtstag eine Blockflöte bekommen; das war ein schwarzer Tag. Ein Jahr spaeter ging ich zum klassischen Gitarrenunterricht und das war auch noch nicht das, was ich meinte: "üben, üben, üben" und in einem Tobsuchtsanfall hab' ich die Konzertgitarre an meinem Schreibtisch zertruemmert.
: Mit meiner ersten E-Gitarre ging es mir bald darum mich von dieser kontrollierten,reinen Tonerzeugung zu befreien, habe KlavierSaiten, Draht und Federstahl aufgezogen, dazwischen Bleistifte gesteckt und Drum-Sticks statt Plektren benutzt. Später bin ich zurück zur klassischen Gitarre, habe sie studiert und war im nachhinein froh über mein Fundament, über die Art in der ich gelernt hatte meine linke Hand zu organisieren, über die Etuden von Leo Brouwer und später Heitor Villa-Lobos, über das Wissen, dass der Ton nicht sofort verschwindet, nachdem ich ihn angeschlagen habe.


?. Du bist Multiinstrumentalist: welche Instrumente spielst Du?
: In erster Linie perkussive Instrumente zum Zupfen und Schlagen, also:Xylophon, Glockenspiel, Trommeln, Gitarre, Bass, Kalimba ....Dann habe ich ein
wenig Klavier gelernt und durch meinen Vater kenne ich das Akkordeon. Eine zeitlang habe ich selber Instrumente gebaut, und viele Grundprinzipien der Klangerzeugung über meine gesammelten Spielzeuginstrumente kennengelernt; hängengeblieben bin ich dabei insbesondere an meinem Toy-Piano. Ich würde gerne ein Blasinstrument spielen kann aber leider nur Melodika, die ich nichtsdesdotrotz sehr liebe, so wie alle anderen 'frei-aufgehängten-Metallplaettchen-Instrumente', also neben der Melodica, die Kalimba, das Fender-Rhodes und eben mein Toy-Piano die haben so einen phänomenalen sehnsuchtsvollen-glockenhaften Klang. Ich habe sehr viel in Bands gespielt, in der Regel Instrumental-Musik. Anfangs ging es mir und meinen Mitmusikern denke ich um Abgrenzung: anders sein, Sachen spielen, die Keiner oder nur Wenige nachvollziehen können, Sektierertum, so wie Bebop einmal war, wobei wir eher Noise gemacht haben, so Bach'sche Hardcore Fugen: schnell und parallel, krumm, verzerrt und laut, unter dem Einfluss der Boredoms, Melvins und des "sacre du printemps" . Es war sehr befriedigend, irgendwann zu sehr selbstbefriedigend. Letztendlich ist Musik ja eine Sprache, zumindest kann man etwas hoeren und darum geht es irgendwie immer um Kommunikation. Ich komme also vom Krach, was man sich bei meiner jetzigen Musik vielleicht nicht mehr so vorstellen kann, aber es ging mir schon immer um den Drang, ums Fortschreiten, die Sehnsucht mit der Musik an einen Ort ohne Worte gelangen zu koennen: Etwas zu finden, was ich noch nicht kenne, was ich noch nicht kann. In meinen Bands habe ich mich vielleicht mehr mit meinen Mitmusikern unterhalten und wenn ich jetzt alleine als F.S.Blumm Musik mache sind die Anderen immer irgendwo, wo ich NICHT bin, da sind die Projektionsflaechen und das was zurüc geworfen wird ganz anders, eben sehnsuchtsvoller.

?. Du hast längere Zeit in Berlin gewohnt, bevor du nach Italien gezogenbist. Bitte beschreibe dein leben bzw. deine erfahrungen dort. Was ist letztlich geblieben? Welche neuen Erkenntnisse gab es? : Der Input in Berlin ist gross, die Inspiration aus dem Konsum: das fehlt hier, diese Art der Kultur. Andererseits ist das Geschrei der Stadt auch sehr zerfasernt und die Ruhe eine beeindruckende Inspirationsquelle. Das Eine wuerde mir ohne das Andere auf Dauer nie ausreichen.

?. Irgendwann kam die Entscheidung, in Italien zu "ankern"? Ist der Titeldes Albums so richtig interpretiert? Wann hast Du beschlossen nach Italien zu gehen, welche Gründe bewogen Dich letztlich dazu?
: Erstmal fand ich einfach nur dieses Wort als Verb, als andauernde Tätigkeit beeindruckend: die meisten Stuecke sind auf der Reise geschrieben, also im Gegenteil während des Fortfahrens. Man ankert ja ununterbrochen, auf der Suche werden einem Dinge klar, das ist eher angeln als ankern. Jetzt gibt es diesen Ort, an dem ich mich gerade befinde, den ich gefunden habe aber er war eigentlich nur eine Richtung, ein Zufall ein Gedanke: ich wollte soviel wie möglich draussen sein können und dafür ist es besser, wenn es warm ist, also Richtung Süden. Na gut ich gebe zu, dass ich es im Nachhinein lustig fand, einen Anker von der Nordsee zum Mittelmeer geworfen zu haben. Und das sieht man denke ich auch auf den zwei Cover-Photos: links die vereiste Nordsee in Wilhelmshaven (ca. 1950 von meinem Vater fotografiert) und rechts am Ende der Lese- und Blickrichtung die Sonne am Horizont. Ich wollte dem Meer Nahe sein.

?. Die Musik entstand, hast Du in unserem Gespräch gesagt, in einer Phase des Suchens.
Bitte interpretiere selbst den Titel und die Stimmung des Albums. Geht es auch letztlich um eine bestimmte Art des Klarmachens und Klarwerdens in Bezug auf einen selbst und das eigene Leben? Ist ankern abschied und anfang zugleich?
: Ich suche nach Einfachheit, denn ich glaube dass KLARHEIT einfach ist und Klarheit ist das beste Gefuehl. In meiner letzten persönlich/musikalischen Entwicklung habe ich versucht die ESSENZS eines jeweiligen musikalischen Gedankens zu finden; ich habe versucht alles, was ablenkt, was überfluessig(redundant) ist wegzustreichen, herauszufinden, was das Wesentliche ist, ohne Schnörckel, ohne Geplapper. Darum sind viele Stücke sehr schlicht. Ich wollte ausserdem die Dinge so sagen, als seien sie aufgeschriebene Sätze: verbindlich und nicht versteckt, also Aussage statt irgendwelche Sounds, bzw. WENN Klang, dann so, dass mein Satz seine Gültigkeit behaellt und definitiv ist, egal ob ICH oder jemand anders ihn sagt, erklingen lässt. Das war so ein Ausgangspunkt wobei ich das Sinnliche dann hoffentlich nicht vergessen habe. Meine Musik wirkt wohl oft recht traurig, fuer mich ist das immer eher dieses Gefühl -wie gesagt- der Sehnsucht: man ist erfüllt wenn man Musik macht, aber flüchtet auch immer, will irgendwo hin. Klarheit ist ja auch oft traurig, weil sie entsteht, wenn man sich von etwas trennt, weil einem klar wurde, dass irgendeine Verbindung verknotet, kompliziert, eben unklar geworden ist. Wenn man den Knoten abschneidet ist das etwas traurig, weil man irgendwann mal sein Herz an diese Sache gehaengt hatte, aber trotzdem wird es ploetzlich leicht und einfach, weil es geklärt ist. Traurig und schön

?. Ist Ankern eine konzipierte Elegie der Klarheit, eine spontane und feingeschliffene Erzählung einer Wanderung, oder sind es poetische Skizzen des Suchens?
: Es ist auf keinen Fall im grossen Bogen konzipiert, es sind eher fallengelassene Kieselsteine: gefunden, schoen gefunden umgedreht und wieder hingelegt fuer den Naechsten.

?. Wo hast Du Ankern aufgenommen, wann und wie lange? Ist es eine "Winterplatte" oder eher eine "Sommerplatte" für Dich? : Teilweise reichen die Aufnahmen zehn Jahre zurueck (!), die meisten sind aber im letzten Jahr zu Hause in Berlin entstanden, manchmal wiederum bei Freunden in Amsterdam, Köln oder in einem Kammermusiksaal vom abgewickelten Rundfunkhaus der DDR. Jahreszeitlich ist es wohl eine 'Gemischt-Platte', so wie auf den Coverphotos: vom Kalten ins Warme, vom Schlittschuhlaufen in Bremen zum Im-Unterhemd-Draussen-Sitzen im Eukalyptuswald. Hoeren tut man "ankern" wahrscheinlich eher drinnen sitzend alleine oder zu zweit?! aber eigentlich weiss ich es nicht.

?. Wie arbeitest du musikalisch? Wie entstehen die Tracks? Stichpunkt Komposition / Improvisation? Wie ist das Verhältnis zwischen gespielten und gesampelten/gecutteten Teilen?
: Die Stücke auf "Ankern" sind sehr geplant und dann ausgefuehrt; auf der Gitarre komponiert, insbesondere unterschiedliche Proportionen ausprobiert, dann festgelegt, geübt und schliesslich arrangiert. Vieles habe ich aufgeschrieben, manchmal das ganze Stück von Anfang bis Ende, damit es Freunde oder Bekannte genauso, wie es dann auf der Platte klingt spielen können, manchmal nur sehr grob einzelne Töne die ich dann ich im Nachhinein uebereinander und hin- und hergeschoben habe, eigentlich habe ich die Stücke auch immer fuer mich selbst aufgeschrieben, oft nur in Tabulatur um sie einfach nicht zu vergessen. Gesampelt ist gar nichts, aber ich habe so ein Hard-Disk-Recording-System, wo ich Teile auch kopieren und hintereinanderhaengen kann; das funktioniert musikalisch nur bei der ersten Spur, da bei den naechsten Spuren das Timing schon auseinanderlaeuft, ist also eher als so eine Art Metrum geeignet, das ich manchmal aufhebe und einsetze. Improvisiert ist eigentlich gar nichts. Bei 'Sack und Blumm" (mit Harald "Sack" Ziegler) ist das anders, da spielen wir vielmehr oder sind verspielter, tauchen in Klaenge und improvisieren zum laufenden Aufnahmegeraet. Und bei "Kinn" wiederum (mit Marcel Türkowsky) geht es darum zu zweit im selben Raum zu sitzen, uns mit unseren Instrumenten zu finden und dassele dann live zu wiederholen.

?. Technische Details: wie und mit welchem Equipment nimmst du auf?
: Das wichtigste ist fuer mich eine gute Mikrophonierung, ich brauche meist sehr lange um richtig zu sitzen und alle 'Ohren' am richtigen Platz zu haben. Fuer meine Konzert gitarre benutze ich dann meistens drei Mikros gleichzeitig: ein Elektrokondensator-Mikro von AKG, ein dynamisches Shure und ein Kontaktmikro von Monacor. Ich schneide die Sachen auf einer Roland 8-Spur; ich kann esnicht leiden voreinem Bildschirm zu sitzen, das ist auf eine unbefriedigende Art sounglaublich anstrengend und aussaugend. Ausserdem kann ich auf der 8-Spur zumindest die Regler, die Fades anfassen und somit räumlich bleiben.

?. War Deine Musik vor Ankern "anders"? inwiefern? Was hat sich im Vergleich zu der Musik, die du vorher gemacht hast, verändert? In allen Bezügen: Produktionsweise und Ergebnis? Wie charakterisierst du z.B. den Vorgänger "Mondkuchen"?
: Frueher und auch bei der "mondkuchen" ging die Inspiration oft von der Klang-Sensation aus: die Aufnahme rueckwaerts abspielen, schneller oder langsamer, also irgendwie immer zu verfremden, zu verbiegen. Momentan bin ich eher daran interessiert akkustisch und auf eine gewisse Weise nackt zu sein.

?. Welche Musik beeindruckt, evtl. sogar beinflusst Dich? In Vergangenheit und Gegenwart?
: Im letzten Jahr gab es ein paar Lieder, die ich immer und immer wieder hoeren musste:
"Such a small Love" von Scott Walker, "Old Friends" von Simon and Garfunkel, "Health and Efficiency" von This Heat und ein paar Stuecke auf der "Chelsea Girl" von Nico. Wenn ich jetzt aufzaehlen wollte, was mich musikalisch beeinflusst hat in der Vergangenheit wuerde das ein endlose Liste werden, darum vielleicht nur, wer das für die Gitarre war: Fred Frith und Henry Kaiser, Sonic Youth, Polvo, Gastr del sol, John Fahey, Pat Martino, Don Caballero, Andre Segovia ...

?. War Jazz in irgendeiner Form wichtig oder interessant für Dich? Wenn ja, wer oder was war das? Hast du eine Definition von Jazz? Was bedeutet es für Dich?
: Ja, sehr. Als 16-jaehriger wollte ich mal wissen was Jazz ist und habe ichmir eine 3-LP-Box von Charlie Parker gekauft, wahrscheinlich weil sie günstig war, keine Ahnung. Es warein Initiationserlebnis, es hat mich weggeblasen, die Intensität, es war so dringlich, an einem Strang gezogen und kompremiert, das hat mich nicht mehr verlassen. Dann wollte ich verstehen, was 'das' ist und habe auf einem Dave Brubeck Plattencover in den Liner-Notes etwas von 7/4 und 5/4 Takten gelesen, das war das nächste Initiationserlebnis. Theoretisch sind für mich krumme Takte, Triolen und Synkopen wichtig, also dieser rhythmische Strom, genauso wie dieser tonale, modale Fluss bei JohnColtrane und natürlich Freiheit und Fortschreiten, erweiterteAkkorde, ach es ist schwierig zu beschreiben, meine Definition? vielleicht:Drang und Hunger des Einzelnen und erfülltes Ineinandergreifen der Gruppe.

(--2002)


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